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Warum Chinesische Medizin? Ein Interview mit Yaron Seidman Print E-mail

 Warum Chinesische Medizin?

 

Ein Interview mit Yaron Seidman

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Das Interview führte Alberto Cantidio Ferreira, Akupunkteur aus Brasilien und Mitglied des Projektes Medicina Chinesa Classica (www.medicinachinesaclassica.org)

 

 

ACF: Yaron, könnten Sie uns etwas darüber berichten, wie Sie zum Studium der Chinesischen Medizin gekommen sind und über die Erfahrungen, die Sie gemacht haben.

 

YS: Natürlich, sehr gern. Ich glaube, dass bisweilen ein einziges Ereignis, ein einziges Erlebnis das gesamte Leben dauerhaft beeinflussen und verändern kann. Damit dies geschehen kann, muss der Boden vorbereitet sein – ist einmal ein Samen gepflanzt hat der Mensch ihn für immer zu kultivieren, denn sonst wird dieser Samen vorzeitig sterben, ohne sein Potenzial erreicht zu haben. Für mich begann alles 1989 in Israel, im Alter von 18 Jahren. Meine damalige Mitbewohnerin empfahl mir einen Film, den sie gesehen hatte: ‚Out on the Limb’[In gefährlicher Lage], mit Shirley McLaine. Ich sah mir den Film an, kann mich aber heute an die Handlung nicht mehr erinnern, da es einfach zu lang her ist. Eine Szene ist mir jedoch im Gedächtnis geblieben. Die Schauspielerin war in Südamerika an einem wundervollen Ort, vielleicht in Machu Picchu, genau kann ich es nicht mehr sagen und hatte eine Außerkörperliche Erfahrung, bei der ihr Geist aufstieg und sie sich selbst von außen betrachten konnte. Ob diese Art von Erlebnis nun real ist oder nur eingebildet, ist nicht wirklich von Bedeutung. Mich jedenfalls machte es neugierig. Es war eine Neugier, mehr über die Wahrheit zu erfahren und ich hatte das Gefühl, dass der einzige Weg, der Wahrheit näher zu kommen lernen sei. Ich begann also, mich mit allen möglichen Formen alternativer Heilmethoden zu beschäftigen, die ja oft über Außerkörperliche Erfahrungen und spirituelle Bemühungen berichten. Allerdings fand ich heraus, dass ich mich, je mehr ich mich mit diesen Methoden beschäftigte, um so weiter von der Wahrheit zu entfernen schien. Die Werke, die ich las benutzten eine phantasievolle Sprache und großartig klingende Namen, sprachen über andere Welten und spirituelle Wesen; mir erschien dies alles jedoch wie heiße Luft. Ich dachte bei mir: „Das kann es doch nicht sein! Während so vieler Generationen muss es doch Menschen gegeben haben, die die wirkliche Essenz verstanden hatten“, jene Essenz, hinter der ich her war, ohne allerdings wirklich zu wissen, worum es sich handelte. Zu dieser Zeit stolperte ich über die Chinesische Medizin oder die sogenannte TCM.

Das war Auslöser Nummer Eins. Ich reiste nach Neuseeland, nach China und dann nach Deutschland und beschäftigte mich intensiv mit den Theorien der TCM: der Fünf Elementenlehre, den Zang Fu, mit Jing, Qi und Shen etc. Ich hatte das Gefühl, mein Ziel erreicht zu haben. Das war 1993. Während meiner TCM-Ausbildung lernte ich Bruchstücke des Gelben Kaisers und einiger anderer Klassiker kennen und ich war begeistert, mit diesem erstaunlichen Wissenskorpus in Berührung zu kommen. 1993 arrangierte einer meiner Lehrer aus Neuseeland für mich einen Aufenthalt bei seiner Familie in Beijing, was mich wiederum völlig aus dem Häuschen brachte; meine erste Reise nach China! In Hong Kong angekommen nahm ich die Fähre nach Guangzhou und verbrachte dann 33 Stunden in einem Zug, auf einem brettharten Sitz, ohne zu schlafen, mit Kindern, die auf den Boden pinkelten, einem zugigen Fenster und wo jedermann mich anstarrte als käme ich vom Mond. Am Bahnhof holte mich die Ehefrau des Lehrers ab, verfrachtete mein Gepäck auf ihr Fahrrad und wir gingen etwa 2 Stunden zu Fuß bis zu ihrem Heim. Das war meine erste Begegnung mit der ‚chinesischen Realität’, die ganz im Gegensatz zu einer verklärenden Romantik der Chinesischen Medizin stand. Ich konnte weder Chinesisch sprechen, noch Chinesisch lesen. Ich konnte nicht deutlich machen, was ich wollte und ebenso konnte auch Familie bei der ich wohnte sich mir gegenüber nicht verständlich machen.

Das war Auslöser Nummer Zwei. Ich dachte mir: „Wie kann ich behaupten, Chinesische Medizin zu verstehen, wenn ich nicht einmal in der Lage bin, klarzumachen, dass ich Durst habe und gern ein Glas Wasser hätte?“ Das setzte all meine Rädchen in Bewegung. Ich begriff, dass ich, koste es was es wolle und wie schwer es auch immer sein würde, als nächstes Chinesisch lernen musste, wenn ich Chinesische Medizin wirklich verstehen wollte.

 

ACF: Wann kamen Sie das erste Mal mit den Klassikern in Berührung und auf welche Weise wurde Ihnen die Bedeutung der Klassiker für die klinische Praxis klar?

 

YS: 1994 zog ich nach Deutschland, lernte Deutsch und begann an der Universität Freiburg Sinologie zu studieren. Das ist der Zeitpunkt an dem ich angefangen habe, modernes Chinesisch lesen und schreiben zu lernen und gleichzeitig eine Einführung in die klassische chinesische Sprache erhielt. Man kann sagen, dass dies meine erste Begegnung mit chinesischen Klassikern war, allerdings nicht unbedingt mit medizinischen Klassikern. Als ich mit diesem Weg begann, setzte ich mir das Ziel, täglich mindestens 30 Seiten chinesische Schriftzeichen zu schreiben, um sie mir einzubläuen. Manchmal schrieb ich bis zu 100 Seiten täglich, bis meine Hand brannte und taub war. Mein Zimmer war übersät mit Blättern voller chinesischer Schriftzeichen. Aus unerfindlichen Gründen fand ich es nicht schwierig. Ich schreib und schrieb und schrieb und die Stunden verflogen, ohne dass ich es wahrnahm, gerade so, als gäbe es im Leben nichts besseres für mich und tatsächlich, es gab nicht besseres. An einem bestimmten Punkt meines Studium strich ich alle anderen Kurse; Spanisch, Sanskrit, Französisch und vedische Schriften und widmete all meine Zeit und alle meine Bemühungen den chinesischen Schriftzeichen. 1996 beschloss ich, die Universität zu verlassen, da ich das Gefühl hatte, dass ein Chinesischstudium hier zu nichts führen würde. Mein damaliger Lehrer gab mir einen chinesischen Namen, Meng Ya Lun 孟亚伦, der mich seither immer begleitet. Er schickte mich an seine Heimatuniversität in Kaifeng und später wechselte ich nach Wuhan. Nun, die Universitäten boten nicht das, was ich suchte und so zog ich durch China; von Beijing nach Shanghai nach Kunming und Tibet, immer auf der Suche nach etwas Besonderem, von dem ich wusste, dass es existierte, es aber nicht finden konnte. Zu dieser Zeit glaubte ich fest an eine Bestimmung. Ich war überzeugt, dass, falls es mein Schicksal wäre, einen Lehrer zu finden, der in der Lage sei, mich zu führen, dies auch geschehen würde, ansonsten müsste ich eben warten bis meine Bestimmung sich erfüllt. Also bereiste ich China, traf Praktiker und Lehrer in den unterschiedlichsten Situationen, doch keiner von ihnen teilte mit mir jenes Wesentliche, nach dem ich so sehr suchte. 1997 verließ ich China und reiste in die USA, bepackt mit klassischen Werken und entschlossen, mein Studium selbstständig und auf eigene Faust fortzusetzen. Ich las und las und obwohl ich einiges verstand, fühlte ich mich innerlich leer. 1998 beschloss ich nach China zurückzukehren, um meiner Bestimmung zu begegnen. Ich fragte einen Freund in Guilin, ob er irgendwelche guten Universitäten kannte, die nicht so riesig und so kommerziell ausgerichtet waren. Er empfahl mir das TCM-College in Guangxi. Ich traf Vereinbarungen mit der Schule für ein 6monatiges Studium mit Privattutoren, um Kräuterkunde, die Klassiker und mit den Klassikern verwandte Themen zu studieren (etwa klassisches Medizinchinesisch – Yi Gu Wen). Ich traf einige großartige Lehrer, dennoch gab es nur einen unter ihnen, der alles in mir zum Schwingen brachte. Jeder Unterricht mit ihm gab mir das Gefühl, dass mein Magen durchgeschüttelt wurde, mein Hirn kam zu einer ganz besonderen Klarheit und Schärfe und mein Herz klopfte. Der Name dieses Lehrers war Liu Lihong 刘力红. Wenngleich es nur wenige Monate waren, so bildete diese Zeit einen unumkehrbaren Wendepunkt in meinem Leben. Dieser Lehrer brachte mich auf einen Weg von dem ich wusste, dass er richtig war. Es lässt sich sagen, dass dies wirklich das erste Mal war, dass ich den Klassikern von Angesicht zu Angesicht gegenüber stand. Innerhalb kürzester Zeit wurde ein riesiger Vorhang vor meinen Augen weggezogen und ich konnte erkennen, in welche Richtung mein Studium gehen sollte. Die TCM-Theorien, die in den voran gegangenen Jahren gelehrt hat waren kein Hindernis auf diesem Weg, sie gehörten der Vergangenheit an. Angestachelt und voller Inspiration kehrte ich in die USA zurück und setzte mein Studium der Klassiker fort. Ich besaß Kopien des Shang Han Lun und des Jing Gui Yao Lue und wechselte Briefe mit meinem Lehrer. Dies half mir, das Feuer trotz der großen Entfernung am brennen zu halten. Im Jahr 2000 oder 2001 reiste ich wieder einmal nach China, um Taijiquan zu lernen und rief wie gewohnt meinen Lehrer an, um ihn wissen zu lassen, dass ich in China sei (wenngleich auch weit von Guangxi entfernt). Dr. Liu erwähnte, dass er dabei wäre, nach Sichuan zu reisen und fragte mich, ob ich ihn nicht begleiten wolle. Für ich hätte dies eine 2wöchige Reise von Beijing an einen sehr abgelegenen Ort bedeutet und da ich nur 3 Wochen Zeit hatte, musste ich leider absagen. Später hatte ich immer das Gefühl, etwas verpasst zu haben, und dass ich doch auf mein Herz hören und diese Reise hätte machen sollen (dabei ist Bedauern etwas, das mir gar nicht ähnlich sieht). Dies war mir eine große Lehre für den Rest meines Lebens. Wenn mein Herz mir etwas sagte, sollte ich zuhören. Im Jahr 2002 spürte ich erneut meine Berufung und erfuhr, dass Dr. Liu in Beijing war. Ich lies also alles stehen und liegen und verbrachte dort einen Monat mit ihm. Während dieser Zeit unterrichtete Liu an der Universität Qinghua. Ich besuchte einige außeruniversitäre Kurse, die er für eine kleine Gruppe engagierter Studenten hielt – ich fuhr auf dem Gepäckträger eines Mitstudenten durch den Schnee in eine entlegene Gasse, wir betraten ein altes Gebäude, entzündeten Räucherstäbchen vor einem Konfuziusbild und der Unterricht begann. Der Unterricht hatte eine völlig andere Dynamik als in normalen Vorlesungen. Ich erinnere mich, dass mir das Zuhören das Gefühl gab, als hätte ich noch nie etwas von Chinesischer Medizin gehört. Die Sphäre der Diskussion befand sich in der Welt der Weisen (im folgenden Jahr erschienen einige dieser Diskussionen in seinem Buch Si Kao Zhong Yi – Innere Betrachtung Chinesischer Medizin). Dies war das zweite Mal, dass mich die Klassiker tief im Herz berührten. Von diesem Zeitpunkt an vergaß ich die moderne TCM, die Zang Fu-Theorien und ich vergaß Westliche Medizin. Ich kehrte zurück in die USA und meine Denken war nicht mehr dasselbe, die klinischen Anwendungen waren nicht mehr dieselben und das Lesen der Klassiker war nicht mehr dasselbe.

 

ACF: Wie studieren Sie die Klassiker und denken Sie ist der beste Weg, besonders für Leser, die kein Chinesisch können?

 

YS:  Seit ich 2002 aus China zurückkehrte las ich die Klassiker und schrieb mir Sätze oder Teile auf, die eine Saite in meinem Herzen zum klingen brachten. Ich las sie immer und immer wieder, sann über ihre Bedeutung nach und lernte sie auswendig. Als nächstes schrieb ich Kommentare dazu in meine Notizbücher. In mein letztes Buch „curing Infertility: The Incredible hunyuan Breakthrough“ habe ich einige diese Kommentare aufgenommen. Ich denke, das Studium der Klassiker sollte in folgender Weise geschehen: Sie lesen sie, denken darüber nach, schreiben Sie sie ab, lernen Sie sie auswendig, verfassen einen Kommentar und schreiben Sie sie nochmals nieder. Auf diese Art und Weise erkennen Sie sie, begreifen Sie sie, fühlen Sie sie und können sie dann nach außen tragen. Für Leser, die des Chinesischen nicht mächtig sind empfehle ich, Chinesisch zu lernen. Ist dies nicht möglich, sollten sie sich einen guten Lehrer suchen, der sie in die Klassiker einführt. Ist auch dies unmöglich, dann denken Sie so oft wie möglich über die Natur nach, während Sie Übersetzungen lesen. Versuchen Sie, sich mit derselben Quelle wie die Weisen zu verbinden. Wenn man sich beim Lesen der Übersetzungen mit der Natur verbindet kann dies dazu führen, dass man erkennt: „An dieser Übersetzung könnte etwas falsch sein oder an dieser Phrase oder an dieser Zeile.“ Falls Sie mit einer Übersetzung vollständig übereinstimmen, dann haben Sie nicht tief genug nachgedacht. Das ist Chinesische Medizin. Selbst wenn Sie Chinesisch lesen und schreiben können sind die Probleme damit nicht beseitigt. Die größte Schwierigkeit besteht darin, zwischen guten und schlechten Texten zu unterscheiden. Wenn ein Text alt ist er deshalb noch nicht notwendigerweise korrekt. Wenn jemand also Chinesisch beherrscht, so kann er dennoch leicht Schiffbruch erleiden und schlechte Theorien über gute stellen – das ist ziemlich genau das, was mit der modernen TCM geschehen ist. Nun, letztlich ist man so in der Position, selbst entscheiden zu können was gut und was schlecht ist; andernfalls müsste man diese Entscheidung Übersetzern überlassen. Bisweilen können sich Übersetzer nicht mit der spirituellen Quelle eines Textes verbinden und versuchen, einzig der Sprache zu folgen, die sich im Laufe der Jahrhunderte verändert haben könnte. Der ausländische Leser ist damit auf Gedeih und Verderb dem Übersetzer ausgeliefert. Das ist eine eher schlechte Strategie, um die Klassiker zu studieren. Ein Marsch von 1000 Li beginnt mit dem ersten Schritt. Also, Chinesisch zu lernen ist eine gute Idee. Dies sind meine Empfehlungen an nicht chinesischsprachige Leser.

 

ACF: Was halten Sie von den englischen Ausgaben der Klassiker und glauben Sie, dass sie eine wertvolle Quelle für Praktiker darstellen, die nicht Chinesisch können?

 

YS: Sie sind natürlich ein wichtiges Hilfsmittel. Ich schätze besonders die Übersetzungen der konfuzianischen und daoistischen Klassiker von James Legge, da er in seinen Übersetzungen im Wesentlichen den historischen Kommentatoren folgt. Oft aber neige ich dazu , mit seinen Übersetzungen nicht überein zustimmen und entsprechend natürlich auch nicht mit vielen der Kommentatoren. Ich bin überzeugt, dass das bloße Folgen der Interpretationen der Kommentatoren keine gute Idee ist. Man sollte sein eigenes Gefühl über antike Texte herausbilden. Chinesische Klassiker wie das Su Wen oder das Ling Shu bilden nur einen kleinen Ausschnitt der Chinesischen Klassiker. Unterschiedliche Autoren verfassten unterschiedliche Kapitel in unterschiedlichen Perioden. Das Beste, was ein nicht chinesischsprachiger Leser machen kann ist es, damit zu beginnen andere chinesische Klassiker zu studieren – konfuzianische und daoistische und sich dann den Übersetzungen der medizinischen Texte zu widmen. Nach der Bearbeitung dieser anderen Texte wird der Praktiker leichter in der Lage sein, Übersetzung und Inhalt medizinischer Texte einzuschätzen und kann besser entscheiden, ob sie ein- oder auszuatmen (also abzulehnen) sind.

 

ACF: Glauben Sie, dass die Klassiker heute eine wichtige Rolle in der TCM-Ausbildung in China und im Westen spielen? Wie sollte es Ihrer Meinung nach sein?

 

YS: Tatsächlich gibt es keine moderne TCM und keine Klassische Chinesische Medizin. Es gibt schlicht Chinesische Medizin, die richtig oder falsch praktiziert wird. Die Chinesische Medizin sucht nach einer Sache und ausschließlich nach einer Sache: der Wahrheit unserer Existenz. Wir kommen dieser Wahrheit nahe, indem wir die Natur verstehen. Die Natur hat sich von ihrer niedrigsten physischen Ebene bis hin zu ihrer höchsten spirituellen Ebene während der vergangenen 4000 Jahre nicht verändert. Was sich beständig verändert hat ist unsere Gesellschaft. Was gestern die Norm war, ist heute abnormal. Obgleich also die Zeiten sich ändern, die Natur selbst ändert sich nicht. Wenn wir die Klassiker studieren zielen wir darauf, uns auf die Forschung einzulassen, die unsere Vorfahren geleistet haben. Die unterste Ebene der Vollkommenheit findet auf der sichtbaren oder physischen Ebene, während die höhere Ebene auf innerer Vision beruht. Diese innere Vision ist äußerst schwierig zu erreichen und wurde durch die Zeiten nur von wenigen, den so genannten Weisen der Chinesischen Medizin gemeistert. Wenn wir diese Weisen als antike Dummköpfe abtun, die an alle möglichen Arten nicht wahrnehmbarer Merkmale glaubten, dann verwerfen wir die gesamte höhere Ebene der Chinesischen Medizin und nur die unterste Ebene bleibt übrig. Die heutige TCM-Ausbildung konzentriert sich zur Formulierung ihrer Kerntheorie auf „Körper bezogene“ Theorien wie Zang Fu, Jing, Qi, Shen oder die Meridiane. Alles was einer höheren Sphäre angehört wird nicht gelehrt und dies macht 90% der antiken Klassiker aus. Wenn 90% des in den Klassikern verborgenen Wissens missachtet wird können wir dann von Chinesischer Medizin sprechen? Ich denke nicht. Heutige Studenten beginnen ihre Ausbildung in der Überzeugung in ihrem Herzen, dass sie alles schon besser wissen als die antiken Weisen. Ein Freund machte mich kürzlich darauf aufmerksam, dass er in einem TCM-Forum Hundert Einträge sah, in denen es um Erkrankungen ging, von denen jedoch keiner eine chinesisch-medizinische Erklärung gab, sie alle griffen auf Theorien der Westlichen Medizin zurück. Wenn Hundert Praktiker der Chinesischen Medizin ein Problem diskutieren und dabei einzig westliche Medizintheorie verwenden, können wir dies Chinesische Medizin nennen? Wohl kaum. Wo also liegt das Problem? Es gibt keine Forschung im Bereich der höheren Chinesischen Medizin und nicht genug Forschungen zu den Klassiker. Wir sagen Leber-Qi-Stagnation, aber was heißt das wirklich? Wir sagen Nieren-Yang-Mangel, aber wie können wir das messen? Niemand weiß es. Im Gegensatz zu dem, was heute die Norm ist, sollte das Studium an einer Schule für Chinesische Medizin mit den Klassikern beginnen und mit den Klassikern enden. Mit anderen Worten: es sollte mit Chinesischer Medizin beginnen und mit Chinesischer Medizin enden. Das Lernen Westlicher Medizin sollte optional sein. Wie aber sollten die Studenten das Staatsexamen bestehen und/oder all den anderen staatlichen Regelungen entsprechen? Nun, das ist eine andere Frage und hat nichts damit zutun, was Chinesische Medizin ist oder sein sollte. Wenn jemand Tonnen von beziehungslosem Stoff studieren muss, um seine Lizenz zu erhalten, macht das aus ihm einen guten Praktiker der Chinesischen Medizin? Nicht im mindesten. Oft höre ich die Bemerkung ‚man muss erst an einer Akupunkturschule graduieren und dann beginnen, Chinesische Medizin zu studieren’. Ergibt das irgendeinen Sinn? Für mich nicht. Die heutige Ausbildung in Chinesischer Medizin in China und im Westen müsste sich einer Radikaloperation unterziehen, ansonsten wird sie ihre Qualitäten verlieren und was von Chinesischer Medizin bleibt ist nur ihr Name.

 

ACF: Es gibt gegenwärtig eine Menge moderner Bücher zur TCM. Was ist der Beitrag von Autoren wie Maciocia und Jeremy Ross und wie kann ein Leser einen Übergang schaffen zwischen diesen Grundlagenwerken und den Klassiker?

 

YS: Als ich mit der TCM begann las ich Maciocia und Ted Kaptcuk und dachte, sie seien toll. Sie sind ein guter Anfang und jeder Anfänger sollte sie studieren. Möchte sich jemand aber weiterentwickeln und seine Fähigkeiten und sein Verständnis erweitern, dann sollte er selbst wie diese Autoren werden, von denen die meisten sich intensiv mit den Klassikern beschäftigt haben. Jeder Praktiker sollte wie diese Autoren sein – die Klassiker studieren und sein eigener Autor werden. Niemand sollte sich damit begnügen Anhänger oder Schüler zu sein, jeder sollte zu einem Anführer werden. Verbinden Sie sich mit der Quelle und machen Sie sich die wertvollen Informationen verfügbar. Das ist Chinesische Medizin! So haben es Generationen von Praktikern gemacht; sie alle haben sich direkt mit der Quelle verbunden.

 

ACF: Welche anderen Bücher oder Übungen würden Sie Praktikern zusätzlich zu den Klassiker empfehlen, um in die chinesische Kultur einzutauchen und das Verständnis für die Klassiker zu erweitern?

 

YS: Konfuzianische und daoistische Klassiker, Qigong, Taijiyuan und Meditation.

 

ACF: Liu Lihong ist Ihr Mentor. Er ist einer der größten Kritiker der heutigen TCM-Ausbildung in China. Wie haben seine Lehren Sie beeinflusst?

 

YS: Ich bin nur ein kleiner Student von Liu Lihong und habe nur kurze Zeit mit ihm gemeinsam verbracht. Andere, wie mein Freund und Kollege Li Kangming, verbrachten Jahre mir ihm. Ihr Können ist wesentlich größer als das meine. Meine Bestimmung ist es, für mich selbst zu studieren. Dennoch war ich glücklich, Unterweisungen von Liu erhalten zu haben. Liu Lihong ist kein Kritiker der TCM, sondern ein Heiler der Chinesischen Medizin. Unsere gegenwärtige Chinesische Medizin ist schwer erkrankt und so brachten Lius Betrachtungen der Klassiker eine dringend notwenige Kur, in China und im Rest der Welt. Ich weiß dies aus erster Hand, denn als ich ihn das erste Mal traf war meine Chinesische Medizin krank und seine Weisheit hat sie gesunden lassen. Das ist es, was er am besten kann. Er heilte mein Verständnis von Medizin und später, als er literarisch berühmt war, heilte er die Medizin des gesamten Landes. 2006 reiste ich nochmals nach Guangxi. Liu lud Meister Li Li ein, um eine Reihe unglaublicher Vorträge zu halten, denen ich beiwohnte. Es ging dabei in der Hauptsache um Konfuzianismus und Liu saß als Student unter uns. Ich lernte von ihm, dass ein wahrer Arzt der Chinesischen Medizin für immer ein Student ist. Dies lasse ich in meine Praxis einfließen und in meinen Unterricht.

 

Im Jahr 2008 kam Liu in die USA um Heiner Frühauf in Oregon zu besuchen und er hatte Zeit, auch mich zu besuchen. Meine Praxis ist auf die Behandlung von Unfruchtbarkeit spezialisiert und so besuchten wir das Yale IVF Center in Connecticut. Der Klinikdirektor führte uns herum und wir kamen an einen Ort mit einem großen Tank vorüber und erfuhren, dass sich darin gefrorenes männliches Sperma befand. Liu hielt sofort seine Hand darüber und begann buddhistische Segensgebete zu singen. Ich fühlte in ihm die Chinesische Medizin pulsieren. Ich fühlte, was Chinesische Medizin über das Leben wusste, woher es kam und wohin es gehen sollte und warum Leben so wichtig ist. Ich nehme diese Gefühle täglich mit in meine Praxis und wann immer ich Unfruchtbarkeitspatienten sehe erinnere ich mich an seine Absichten. Sie begleiten meine Gedanken darüber woher wir kommen und wohin wir gehen. Das prägt meine Praxis.

 

 

© Yaron Seidman L.Ac., DAOM, 2010

Übersetzung in Deutsche Markus Goeke, 2010

 

 

 

„Curing Infertility“ – Book order www.CuringInfertility.org

 

Hunyuan Fertility Center: www.Hunyuan.org

 

Hunyuan Research Institute for Chinese Classics: www.ChineseClassics.org

 

 

 

 

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